• Britta Bonten

LADIES, BITTE (WIEDER)EINSTEIGEN! DIE FAHRT GEHT WEITER!

Aktualisiert: Juli 16

Beitrag für den Blog von Christa Maurer, die Profilexpertin! Juli 2021









Photo by Vidar Nordli Mathisen on Unsplash.



Da stehen Sie nun mitten im Leben. Sie haben eine berufliche Auszeit genommen. Sei es Erziehungszeit, Pflege von Angehörigen, überwundene Krankheit, Arbeitslosigkeit, berufliche Neuorientierung oder was Sie sonst noch „pausieren“ lässt. Von Pause oder beschaulicher Ruhephase mit Blick auf idyllische Bergseen ist in der Regel bei dieser Art beruflichen Unterbrechung nicht die Rede.


Jetzt wollen Sie wieder zurück in den Job! Selbst wenn Sie als Berufsrückkehrende an Lebenserfahrung gewonnen haben, verunsichert Sie der Schritt in die Arbeitswelt; Sie sind nicht mehr auf dem neuesten Stand. Beim Thema Bewerbungen wissen Sie nicht genau, worauf es ankommt. Denken Sie an den beruflichen Wiedereinstieg, finden Sie sich an einer Haltestelle wieder, alleine, etwas orientierungslos und im Regen stehend:


In welchen Bus soll ich einsteigen? Aus der Vergangenheit sind mir noch diese eine Linie und ihre Mitfahrenden vertraut – doch hält dieser Bus hier immer noch? Will ich überhaupt in die altbekannte Linie steigen? Oder wage ich lieber etwas Neues und nehme einen anderen Bus? Gibt es freie Sitzplätze oder muss ich auf den nächsten Bus warten? Und: Welche weiteren Busse halten hier? Welche Ziele kann ich mit den Linien erreichen? Sollte ich ein Wunschziel definieren? Oder steige ich wahllos in irgendeinen Bus, um später umzusteigen?


Eines vorweg: Stellen Sie sich diese Fragen frühzeitig! Planen Sie Ihren Wiedereinstieg am besten von Anfang an, sofern Ihre Situation Ihnen den Raum lässt. Wenn Sie sicher sind, nicht zu Ihrem Arbeitgeber zurück zu wollen, dann kommt es auf andere Faktoren an. Welche das sind und was Sie tun können, erfahren Sie im Folgenden.


Zahlen und Fakten

Zahlen aus dem Jahr 2019 zeigen, dass 66,2% der Frauen mit minderjährigen Kindern in Teilzeit arbeiten, gut elfmal mehr als Männer (6,4%), die zu 93,6% in Vollzeit arbeiten –

auch mit minderjährigen Kindern, versteht sich! Selbst wenn die Erwerbstätigenquote von Frauen mit Kindern in den letzten Jahren gestiegen ist, scheint nach wie vor die Hauptlast von Care-Arbeit und alles rund um Familie bei Frauen zu liegen.


Die Pandemie hat dieses Missverhältnis weiter verstärkt und gleichzeitig an die Oberfläche befördert. Denn der Handlungsbedarf, Frauen und Mütter zu unterstützen und aus der Überlastung herauszuholen, ist groß wie nie! Daher richtet sich dieser Artikel explizit an Frauen, die „back to work“ wollen, an Wiedereinsteigerinnen!


Der Fehler liegt im System

Seit über zehn Jahren gibt es ein staatliches Wiedereinstiegsprogramm (Perspektive Wiedereinstieg) und zig regionale Förderinitiativen (z. B. in NRW, Rheinland-Pfalz, München) für Berufsrückkehrerinnen. Trotzdem ist es immer noch nicht gelungen, die familiäre Situation mit den beruflichen Vorstellungen von und Anforderungen seitens Arbeitswelt an Frauen zu vereinbaren.

Hinweis: Es gibt darüber hinaus viele Plattformen, die Hilfestellung zu Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Elternsein anbieten (Frauennetz-aktiv, Urbia.de u. v. m.).


Um das zu verändern, müssen auf Unternehmensseite starre Verkrustungen und alteingesessene Haltungen Platz machen für flexible und familienfreundliche Arbeitsumfelder. Betreuungskonzepte müssen dem Kinder- UND Familienwohl dienen.


Unternehmen erkennen oft nicht die Vorteile, die Mütter mitbringen. Als ein „Geschenk“ bezeichnet sie Dr. Michael Trautmann, ehemaliger Audi-Manager und Agenturgründer in einem Podcast. Abgesehen von ihren Fähigkeiten, sich gut fokussieren zu können, flexibel und effizient zu arbeiten, zeigen sie als Role Model, dass wir tradierte Rollenmuster überwinden können, und dass Vereinbarung von Beruf und Familie geht!


Außerdem haben Mütter einen weiteren Pluspunkt. In Form von „Spill-Over-Effekten“, die die Psychologin Bettina Wiese für eine Schweizer Studie 2010 erkannt hat. Der Betrieb profitiert von den Kompetenzen, die Mütter mitbringen. Umgekehrt tut eine, sagen wir, beruflich ausgeglichene Mutter dem Familienleben gut, wegen der positiven Grundstimmung. Und ihr Glücksgefühl wirkt sich wiederum positiv auf ihr Fortkommen im Job aus. Eine klassische Win-win-Situation.


Kehren wir vor unserer eigenen Tür

Es ist richtig, Forderungen an alle beteiligten Akteure zu stellen. Siehe Familienfreundlichkeit auf Unternehmensseite. Wir können jedoch keine Veränderungen an der Situation von Frauen erwarten, wenn wir nicht selber bereit sind, gewisse Veränderungen vorzunehmen, einzufordern und vorzuleben!



Was können wir Frauen also konkret tun?


1. Erkenntnis: Der Partner muss mit ran!

Der Schlüsselfaktor für eine gerechte Aufgabenverteilung ist: Männer müssen im Haushalt gleichberechtigt helfen. Sonst bleibt alles an frau hängen und das Potenzial der Frauen als Arbeitskraft in ihrem Beruf ungenutzt! Das sage nicht ich, sondern die Studie „(Digital) arbeiten 2020: Chancengerecht für alle?“ vom Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V., bei der über 1000 Frauen und Männer im Juni 2020 befragt wurden.


Sicherlich gab und gibt es Partner, die sich aktiv beteiligen: Kinder wickeln und baden, den Boden wischen, das WC putzen u. v. m.! Doch wahrscheinlich werden nicht alle Väter und Partner vor lauter Begeisterung „Hurra“ schreien, wenn frau ihn bittet, fortan das Bad zu putzen oder einen Teil der Wäsche zu bügeln.


Ein gewisses Konfliktpotenzial könnte in der Luft liegen. Die Konflikte (bewusst) einzugehen und auszuhalten, muss frau jedoch wagen (und sich zutrauen), wenn sie ihr berufliches Engagement intensivieren möchte. Vielleicht hilft diese Erkenntnis: Konflikte auszuhalten und zu lösen, stärkt Sie persönlich für den beruflichen Alltag. Dort herrscht auch nicht durchgängig Friede, Freude, Eierkuchen.


Im Übrigen: Kinder können ebenso – selbstverständlich altersgerecht – eingebunden werden. Einem 14-jährigen Teenager sind durchaus Tätigkeiten zumutbar, wie die Spülmaschine auszuräumen oder Wäsche zu falten!



2. Erkenntnis: Leben wir Gleichberechtigung vor!

Gehen wir mit gutem Beispiel voran: Wenn wir wollen, dass klassische Verhaltensmuster verschwinden, müssen wir bei uns und unseren Kindern anfangen! Binden Sie sie aktiv mit ein – sehen Sie unter 1.!


Sie haben es in der Hand: Warum soll der Sohn nicht mit Puppen, die Tochter mit einer Werkbank anstatt einer Spielküche spielen? Warum soll er nicht weinen dürfen und sie nicht auf Bäume kraxeln? Warum ist für sie die Latzhose tabu und für ihn das rosa Hemd zur Jeans undenkbar? Warum soll er nicht bügeln und putzen, sie nicht sägen und bohren lernen?


Schaffen wir Gleichberechtigung auf allen Seiten und werfen die Klischees über Bord! Wenn der nächste Dübel in die Wand muss, ran an die Bohrmaschinen!



3. Erkenntnis: Hübschen Sie sich (fachlich) auf!

Je attraktiver eine Berufsrückkehrerin für ihren Betrieb ist, umso eher gelingt der Wiedereinstieg! Mit attraktiv sind die Fähigkeiten und Kompetenzen gemeint, über die frau verfügt. Zum Glück gibt es derzeit einen Boom an digitalen Formaten, die es vom Sofa oder egal von wo aus ermöglichen, sich erstens up-to-date zu halten und zweitens weiterzubilden. Es gibt eine Fülle kostenloser Formate – lesen Sie viel und halten Sie Augen und Ohren offen. Tauschen Sie sich auch mit Ihren Kolleg:innen regelmäßig aus und lassen sich auf den neuesten Stand der relevanten Themen im Team bringen. Nutzen Sie aktiv Ihr Netzwerk.



Beispiel:

Falls es für Sie eine Option ist, nach der Erziehungszeit zu Ihrem Arbeitgeber zurückzukehren, gilt: Halten Sie regelmäßig Kontakt. Und zwar mit dem Schwerpunkt als Arbeitnehmerin, nicht als Mutter. Wenn Sie Ihr Baby dem Team zeigen – prima. Es sollte aber nicht das einzige Thema sein.


Wenn Sie darüber hinaus regelmäßig fachliches Interesse zeigen, signalisieren Sie ein ernsthaftes Interesse, wiederkommen zu wollen. Wenn Sie im Spiel bleiben, erleichtern Sie Ihren Wiedereinstieg. Oder suchen Sie das offene Gespräch mit Ihren Vorgesetzten: Fragen Sie nach Möglichkeiten, sich während der beruflichen Auszeit auf dem Laufenden zu halten oder sich intern weiterzubilden. Sprechen Sie über mögliche Perspektiven für Ihre Rückkehr. So erfahren Sie gegebenenfalls Einzelheiten zu den Plänen Ihrer Firma.



4. Erkenntnis: Finden Sie Ihr Ziel!

Nur etwa ein Viertel aller Frauen kehrt nach der Elternzeit zum alten Arbeitgeber zurück. Oft liegt es daran, dass sich der ehemalige Beruf oder die ehemalige Position nicht mit der veränderten Familiensituation vereinbaren lässt. Oder die angebotene „gleichwertige Beschäftigung“ entpuppt sich als inakzeptabel.


Das bedeutet, 75 Prozent der Rückkehrerinnen müssen sich umorientieren! Auch hier bieten sich viele Möglichkeiten: Selbständig- oder Freiberuflichkeit, Arbeitgeber-/Branchenwechsel, Voll- oder Teilzeit, Weiter- oder Fortbildung usw. Wer die Wahl hat…


Gehen Sie am besten in sich und lassen Sie eine Idee reifen, was Sie zukünftig tun möchten. Vielleicht bietet sich jetzt die Chance, endlich Ihren Traum zu verwirklichen! Überlegen Sie, wie das kurz- und mittelfristig zu vereinbaren ist mit Ihrer Familiensituation. Wichtig ist, dass Sie am Ende des Denkprozesses ein konkretes UND realistisches Ziel formulieren, von dem Sie überzeugt sind und das in Ihnen Begeisterung und Leidenschaft auslöst!



5. Erkenntnis: Empowern Sie sich selber!

Vielfach neigen wir Frauen dazu, unser Licht unter den Scheffel zu stellen. Wir zweifeln, hadern mit unseren Fähigkeiten; wir glauben, nicht gut genug für eine Aufgabe zu sein und betrachten unsere Skills mit ausufernder Skepsis!


Wir sind manchmal schlichtweg nicht mutig genug, unsere Stärken zu benennen! Auch Kleinigkeiten! Wir wollen ja nicht angeben…

Dies tun wir nicht, wenn wir unsere Stärken kennen und benennen (unsere Schwächen sind uns meist sehr geläufig). Ein Abgleich von Selbst- und Fremdwahrnehmung kann weiterhelfen. Stehen wir zu dem, was wir können und wer wir sind.


Durch die berufliche Unterbrechung haben Sie sich in jedem Falle weiterentwickelt – mit Sicherheit persönlich; häufig auch in einem weiteren Themenfeld. Vielleicht sind Sie sich nur nicht dessen bewusst? Schauen wir auf das Beispiel „Pflege von erkrankten Angehörigen“ und die damit verbundenen neuen Skills:


Sie haben gelernt, mit neuen Situationen umzugehen (z. B. Ihr Angehöriger ist bettlägerig, Sie müssen Einlagen wechseln, ihn waschen, das ganze Programm…), unvorbereitet im kalten Wasser zu schwimmen (es war ungeplant, sie übernehmen die Pflege); Sie gehen flexibel mit unbekannten Situationen um (stellen Ihr Leben um, sind bereit Neues zu lernen), stellen sich neuen Herausforderungen (akzeptieren die Situation und lassen sich darauf ein) – körperlich UND emotional – und überwinden eventuelle Hindernisse (Kommunikation mit Ärzten). Sie organisieren (brauchen weitere Pflegemittel), arbeiten effizient (müssen Ihre eigene Familie auch managen) und setzen sich über bürokratische Hürden hinweg (Abrechnung mit Kranken-/Pflegekasse). Sie sind offen für neue Aufgabenfelder und arbeiten sich schnell ein, sind lernwillig usw.


Egal warum Sie Ihren Beruf unterbrochen haben, in jedem Fall sind Sie persönlich gereift. Seien Sie stolz auf das, was Sie überwunden und/oder geleistet haben. Notieren Sie sich die neugewonnenen Fähigkeiten und Stärken.


Solch eine Liste mit neuen Fähigkeiten ist für alle (Frauen) in der beruflichen Unterbrechung empfehlenswert, nicht nur für Wiedereinsteigerinnen. Wenn Sie sich Ihrer Stärken bewusst werden und diese klar benennen, machen Sie sich als potenzielle Arbeitskraft attraktiv, auch als Quereinsteigende. Außerdem treten Sie mit diesem erweiterten Skill-Profil überzeugender, weil selbstbestimmter im Bewerbungsprozess auf.


Mit dieser Liste im Gepäck und einem klaren Ziel vor Augen sollte Ihnen die Entscheidung, welchen Bus Sie an der Haltestelle nehmen (sollen, wollen oder können), zumindest etwas leichter fallen. Gute Reise!




Quellen:

Statista https://de.statista.com/statistik/daten/studie/38796/umfrage/teilzeitquote-von-maennern-und-frauen-mit-kindern/

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend https://www.perspektive-wiedereinstieg.de/Navigation/DE/startseite_node.html

Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen https://www.mhkbg.nrw/themen/gleichstellung/berufliche-gleichstellung/karriere-und-wiedereinstieg

Ministerium für Familie, Frauen, Jugend, Integration und Verbraucherschutz https://mffjiv.rlp.de/de/themen/frauen/frauen-in-der-wirtschaft-und-dem-oeffentlichen-dienst/beruflicher-wiedereinstieg/

Servicestelle Frau und Beruf https://www.servicestelle.net/

emotion https://www.emotion.de/leben-arbeit/karriere/michael-trautmann-new-work-podcast

femelle https://www.femelle.ch/life/beruflicher-wiedereinstieg-so-gelingt-es-190

Studie „(Digital) arbeiten 2020: Chancengerecht für alle?“ https://www.perspektive-wiedereinstieg.de/Inhalte/DE/Wiedereinstieg/Wiedereinstieg_konkret/Qualifizierung/studie_digital)_arbeiten_2020.html

https://www.frauennetz-aktiv.de/

https://www.urbia.de/magazin/familienleben/muetter/hilfen-fuer-berufsrueckkehrerinnen

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